Wenn das Entdecken zum Entdecken wird -
oder warum der Kleine Fuchs nun doch nicht fliegen kann
Vor ein paar Wochen habe ich mir einen Online-Vortrag der Deutschen Wildtier Stiftung über Schmetterlinge angesehen. Es ging insbesondere um Tagfalter. Dass die Insekten-Dichte stark rückläufig ist und die Gründe dafür längst hinreichend bekannt sind, wurde noch einmal sehr deutlich anhand von aktuellen Statistiken dargelegt. Gemäß der Krefeld Studie von 2017 stellte man in einem Zeitraum von 27 Jahren (1989 bis 2016) einen Rückgang der gefangenen Biomasse fliegender Insekten um mehr als 75% fest. Schmetterlinge sind mit 53% die Art, die am zweitstärksten betroffen ist. Im Vergleich, Bienen und andere Hautflügler liegen bei 46 % (Statista 2019).
Ich kann mich sehr gut an die Wiesen rund um mein Elternhaus erinnernd. Damals gab es in einem Radius von ca. 1 km nur Wald und Wiesen um uns herum. Es summte und brummte, insbesondere in unserem großen Obstkarten mit Apfel-, Zwetschgen-, Quitten-, Birnen- und einem haushohen Wildkirschbaum.
Alice Kracht, Biologin und Stadtökologin stellte in ihrem Vortrag der Deutschen Wildtierstiftung einige Tagfalterarten vor, die bestimmt jeder von uns schon einmal gesehen hat: Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral, Landkärtchen, Zitronenfalter und natürlich auch Kohlweißlinge.
Es gibt insgesamt 3.700 Schmetterlingsarten, davon ca. 1.250 Großschmetterlinge, zu denen auch die Tagfalter gehören, in Deutschland sind es ca. 188 Arten.
Davon sind 44 % gefährdet, (Quelle Bundesanstalt für Naturschutz) nur 1/3 ungefährdet, und 5 % sogar schon ausgestorben, das sind dramatische Zahlen.
Im Anschluss an den Vortrag konnten Fragen gestellt werden. Jemand stellte die Frage, welche Bedeutung Schmetterlinge hätten, ob sie vielleicht nur hübsch anzusehen sind. Was für eine Frage. Ja, sie sind zauberhaft und so fragil. Ein Schmetterling ist ein hochentwickeltes Insekt (Ordnung Lepidoptera), das durch zwei Paar große, farbige Flügelpaare gekennzeichnet ist, die mit feinen, oft schillernden Schuppen bedeckt sind. Ihr Lebensweg ist der Inbegriff von Wandlung: Vom Ei zur Raupe, von der Raupe zur Puppe und von der Puppe zum Schmetterling. Man nennt es Metamorphose: Definition in der Biologie (Zoologie): Die radikale Umwandlung der Körperform vom Jugendstadium (z. B. Raupe, Kaulquappe) zum erwachsenen Tier.
Schmetterlinge spielen eine wichtige Rolle als Bestäuber, indem sie beim Nektarsaugen unbeabsichtigt Pollen von einer Blüte zur nächsten transportieren. Dank ihres langen Saugrüssels können sie Nektar aus tiefen, röhrenförmigen Blüten erreichen, die für andere Insekten, wie Bienen, unzugänglich sind. Dadurch bestäuben sie Pflanzen, die auf diese spezielle Bestäubung angewiesen sind. Außerdem stehen sie auf dem Speiseplan von Vögeln, Spinnen, anderen Insekten, Eidechsen, Fröschen, Spitzmäusen, Igeln, und Fledermäusen, die insbesondere Nachtfalter bejagen.
Wie das Entdecken zum Entdecken wurde: Der Online-Vortrag hat meine Sinne weiter geschärft. Auf dem Weg ins Büro entdeckte ich in einem Busch ein Gespinst mit kleinen Raupen (siehe Foto). Hochmotiviert wollte ich herausfinden, um welchen schönen Tagfalter es sich handeln würde. Ich fotografierte das Gewusel und begab mich im Web auf die Suche. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich um den Kleinen Fuchs, ein weit verbreiteter wunderschöner Tagfalter. Da ich mir aber nicht hundertprozentig sicher war, forschte ich weiter. Und was soll ich sagen? Es gibt im Internet seitenweise Bilder von Raupen unterschiedlichster Art: schwarze mit Haaren, mit einem Stachel, mit roten Augen, grüne mit Streifen, grüne mit Punkten, Wesen, die man sich so nicht einmal vorstellen kann. Und je mehr ich in die Merkmal-Betrachtung einstieg, desto unsicherer wurde ich.
Ich habe durch das Entdecken eines Raupen-Gespinstes entdeckt, dass die Bestimmung von Raupen alles andere als einfach ist. Denn auch die unmittelbare Umgebung muss mit einbezogen werden. In diesem Fall hin es im Hopfen, der eng mit einer Traubenkirsche zusammenstand. Die Ähnlichkeit mit den Raupen des kleinen Fuchses waren so schnell überholt, denn die Umgebung war der entscheidende Hinweis: Es sind eindeutig die Raupen der Traubenkirschen-Gespinstmotte. Die Falter fliegen in einer Generation von Anfang Juli bis Mitte August. Die jungen Raupen überwintern unter den Schuppen der Blattknospen der Traubenkirsche und leben von Mai bis Juni in Gespinsten. In dem Gespinst verpuppen sie sich auch. Und dann geht die nächste Generation an den Start.
Mein Fazit: Der Mikrokosmos der Insekten, in diesem Fall Raupen / Falter / Motten / Schmetterling zu bestimmen, ist eine große Wissenschaft für sich. Es lohnt sich diese unbekannte Welt näher zu betrachten und auf Bestimmungsreise zu gehen. Eine weitere besonders schöne Entdeckung ist das Wiesenvögelchen, das fröhlich flatternd während meiner Mittagsrunde meinen Weg kreuzte.
Ich lade Euch jetzt herzlich dazu ein, den Schmetterlingen mehr Beachtung zu schenken und ihren Erhalt aktiv zu unterstützen. Freut Euch über Brennnesseln in Gärten und Parks, denn sie sind für fast alle Schmetterlingsarten lebensnotwendig. Sie legen unter die Blattseite ihre Eier ab und sind gleichzeitig für die geschlüpften Raupen die Hauptnahrungsquelle.
Übrigens sind Schmetterlingsparks auch einen Besuch wert. Dort sah ich einen Waldgeist mit transparenten Flügeln!



